Über das Projekt

Der Nukleare Traum ist eine umfassende fotografische Dokumentation der deutschen Atomgeschichte. Bernhard Ludewig besuchte dafür in acht Jahren 60 Orte in sieben Ländern, teils mehrfach. Das Ergebnis ist ein Bildband sowie diese Webseite, auf der die Bilder der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.

Aktuell sind hier die auch im Bildband gezeigten Fotografien zu sehen. Im Laufe der Zeit wird zudem für jeden besuchten Ort eine kleine Galerie erstellt, auf der weitere Bilder gezeigt werden. Auch weitere Orte können möglicherweise noch aufgenommen werden.

Die Bilder sind aus historischem wie künstlerischen Interesse und auf eigene Kosten entstanden. Sie sind nicht für die mediale oder kommerzielle Nutzung vorgesehen.

 

Die Langfassung

In meiner Kindheit und Jugend waren technische Visionen allgegenwärtig. Das amerikanische Shuttle flog mit Spacelab-Missionen, die Concorde über den Atlantik. Raketenstarts wurden zur besten Sendezeit übertragen, Forschungsminister Riesenhuber präsentierte Modelle vom Sänger und internationaler Raumstationen, der Transrapid flitzte über seine Teststrecke, hochumstrittene, aber ikonische Kernkraftwerkskuppeln wurden gebaut, und die Standard-Briefmarken zeigten an Stelle von Bundespräsidenten Technik, vom Hubschrauber bis zum Radioteleskop. Von dieser Präsenz ist wenig geblieben. Shuttle und Concorde sind heute im Museum, und der Transrapid fand ein liebloses Ende. Die einzigen technischen Ikonen sind heute Mobiltelefone.

Atomkraft war die gesellschaftlich folgenreichste dieser Visionen, und ich hatte lange den Wunsch, sie fotografisch in ihrer Gesamtheit einzufangen, ehe sie verschwunden ist. Nach langem Zögern besuchte ich 2012 das erste Kraftwerk. In den folgenden sechs Jahren entstand ein mit jedem weiteren Besuch wachsendes Vertrauensverhältnis. Dieses ermöglichte  Bilder von Orten, die für Außenstehende schwer oder gar nicht zugänglich sind. Ich durfte monumentale Kühltürme betreten, als James-Bond-Kulisse taugliche Kontrollräume besuchen und auf Lademaschinen oder in Krangondeln über Reaktorkerne fahren. Unter Aufsicht eines Geheimschutzbeauftragtem konnte ich zwischen Uranzentrifugen herumlaufen, Brennstoff-Tabletten in die Hand nehmen und in La Hague eine Castor-Entladung durch die 120 Zentimeter dicken Bleiglasscheiben verfolgen. Man ließ mich einen Ausbildungsreaktor zur Schnellabschaltung bringen, die Baustelle des letzten deutschen Atomkraftwerks in Brasilien besuchen und beim Setzen von Sprengladungen im finnischen Endlager Onkalo zuschauen. Ich erhielt die Erlaubnis, den Sarkophag von Tschernobyl zu betreten und nicht zuletzt auch die Öffnung eines Leistungsreaktors zu fotografieren – das offene Herz.

Für den Besuch mancher Orte waren mehrjährige Gespräche, bürokratische Klimmzüge und mitunter einige Anäufe notwendig. Häufig traf ich aber auf große Offenheit. Ich wurde atomrechtlich zuverlässigkeitsüberprüft, was trotz meiner für das Goethe-Institut absolvierten Aufenthalte in verschiedenen Krisenländern gelang, und lernte Kontrollbereichs-Prozeduren in acht Ländern kennen. Am Ende war ich sogar offiziell Strahlenschutzbeauftragter in eigener Sache.

Es entstanden Einblicke in eine bei uns verschwindende Welt, deren Räume und Technik oft sakral wirken – einer Utopie grenzenloser Energie angemessen, deren blaues Leuchten eine Generation in ihren Bann schlug und nach der ein Zeitalter ausgerufen wurde. Die politisch einst forcierte Technik ist heute verfemt und ihr Ende besiegelt. Die Erhaltung relevanter Gebäude ist aus atomrechtlichen Gründen kaum möglich, sie verschwinden langsam, aber gründlich. Für die Aufbewahrung von Urkunden und Exponaten fehlen fast flächendeckend Platz, Geld und vor allem der Wille. Baupläne und Dokumente landen im Altpapier. Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Organisationen tilgen die Spuren früherer nuklearer Aktivitäten aus ihren Namen und ihrer Geschichtsschreibung. Am Ende bleiben wenig mehr als grüne Wiesen übrig sowie gegen Flugzeugabsturz gesicherte Lagerhallen voller Abfallbehälter.

Die vorliegende Dokumentation soll einen Teil der Atomgeschichte archivieren. Sie zeigt Bau, Betrieb und Abriss der verschiedenen deutschen oder in Deutschland gebauten Kraftwerkstypen, betrachtet die Kernforschungszentren und ihre Entwicklungen, und verfolgt den Weg des Urans. Die Dokumentation liegt als Webseite und als Buch vor. Die Webseite hier soll als möglicherweise noch wachsendes Archiv das Bildmaterial frei zugänglich machen. Der (mit Dirk Eidemüller als Koautor erstellte) Bildband ist umfassender: Eingeleitet wird das Buch mit einem historischen Streifzug, um etwas Hintergrund zur Einordnung der Motive zu geben, gefolgt von einer kurzen Einführung in die Kernphysik. In den anschließenden Bildkapiteln leiten erklärende Sachtexte und persönliche Eindrücke in die jeweilige Thematik ein. Den Abschluß bilden eine architektonische Betrachtung und Konstruktionspläne. Die Texte sollen Licht und Schatten dieser einstigen Utopie verständlich machen. Sie beschreiben die hoffnungsvollen Erwartungen, ohne mit Kritik an den problematischen Aspekten zu sparen. Es geht nicht darum, im hinlänglich ausgefochtenen Atomkonflikt eine Position einzunehmen, sondern darum, den Gegenstand in vielen Facetten fassbar zu machen und zu zeigen, was ihn ausmacht.

 

Neutralität / Transparenz

Das Vorhaben wurde von mir privat finanziert und ist nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet. Ich habe sämtliche Reisekosten alleine getragen und auch die zwei Jahre Arbeitszeit selbst finanziert, die über acht Jahre verteilt im Projekt stecken. Besuche verursachen bei den Anlagen Betreuungsaufwand, den ich nicht bezahlt habe, und ich bin häufiger auf ein Kantinenessen eingeladen worden. Im Gegenzug habe ich den Betreibern Bilder zur Nutzung überlassen. Zuletzt ist aus dem Projekt ein Bildband entsanden, dessen Produktionskosten ich zu einem erheblichen Teil privat getragen habe. Im Gegenzug habe ich Bücher erhalten, deren Verkauf (zuerst per Crowdfunding und nun über diese Webseite) im besten Fall diese Produktionskosten decken wird. Ein kommerzielles Interesse liegt also nur bedingt vor.